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In dieser Rubrik schreibe ich auf,
was mir gerade durch Kopf, Sinn und Herz geht –
eine Rubrik zum Mit- und Nach-Denken.
Über Reaktionen freue ich mich.
¶ Wann ist eine Gesellschaft reich?
¶ Wann ist eine Gesellschaft reich?
Die Phönizier haben das Geld erfunden, aber warum so wenig? Heute gibt es mehr Reichtümer denn je, aber Deutschland kann sein Gesundheitssystem und die Hochschulen
kaum bezahlen, geschweige die Renten. Die künftigen Generationen müssen doppelt so viele Alte versorgen wie heute. Wie soll das gehen? Wie viel
werden künftige Generationen arbeiten müssen, um so viel Geld zu erwirtschaften?
Ich wundere mich immer, wie Politiker und selbst Wirtschaftsexperten über Geld nachdenken. Das Geld, was man ausgeben will, muss man auch eingenommen
haben, lautet eine scheinbar unhinterfragbare Binsenweisheit, als sei Geld so
etwas ähnliches wie Energie, für das ein unverbrüchlicher Erhaltungsgesetzt gelte. Dem ist aber keineswegs so.
Wer Gold und Geld hat ist reich – so dachten einst die Spanier, und nachdem sie in der Nachfolge von Columbus
amerikanische Indianerstämme geplündert und schiffeweise Gold nach Europa geschleppt hatten, mussten sie mit größter Verwunderung feststellen, dass der Wert des Metalls sank und sank. Wenn ein
Land viel Geld hat, ist es nicht automatisch reich, Beispiel Italien und seine
ehemaligen Lira. Es müssen entsprechende Werte dahinter stehen. Das ist natürlich auch eine Binsenweisheit. Aber wie sind jene Werte mit dem Geld verknüpft?
In Zeiten des Mangels war Kapitalismus eine Idee, die – wenn auch mit größten gesellschaftlichen Verwerfungen – immerhin Mangelzustände zu beseitigen vermochte, beginnend in einer kleinen Oberschicht und dann
nach ziemlich weit unten durchwachsend. Spätestens Ende des 19. Jahrhunderts waren viele Menschen der erschöpfenden Mühen und Strapazen des industriellen Aufschwungs so weit ausgesetzt, dass die
Utopie von einer Welt, in der zunehmend modernere Maschinen alle langweiligen
und erschöpfenden Arbeiten abnehmen würden, als echte Schlaraffenland- oder Heinzelmännchenvision erschien. Man lässt die Maschinen laufen, drückt hier und da mal ein Knöpfchen, kontrolliert, überwacht, und alle Versorgung läuft in der schönsten nur denkbaren Ordnung.
Dieser Zustand ist heute beinahe mehr als erreicht. Etliche große Produktionshallen der Industrie benötigen kaum noch Personal. Die Produktion ist flexibel, die Logistik nahezu
reibungsfrei, der Schlaraffenlandzustand von den technischen Grundbedingungen
her erreicht. In vielen Gütern, vor allem auch landwirtschaftlichen Gütern, herrscht Überproduktion, und Steuergelder müssen für Exportsubventionen herhalten, die z.B. in Afrika die einheimischen Märkte ruinieren. Man bringt Geld auf, um Produktionsüberschüsse an den Mann – oder die Frau – zu bringen. Bei Produktionsüberschüssen sinken die Preise, d.h. die Produzenten verdienen nur wenig, haben wenig
Geld, um etwas zu investieren oder zu kaufen und noch weniger, um Steuern zu
zahlen. Viele Menschen haben keine Zeit mehr, obgleich doch die Heinzelmännchenvision eine üppiges Maß an Freizeit versprach. Die Überproduktion reicht allemale, um Rentner zu versorgen, und im Grunde bräuchte man mehr Rentner und weniger Arbeiter, um alles wieder ins Gleichgewicht
zu bringen. Wie passt das alles zusammen? Wie wird überhaupt Wirtschaftsleistung gemessen und warum muss diese Leistung ständig wachsen, wo es doch eh schon in etlichen Teilbereichen Überproduktionen gibt? Bricht die Gesellschaft zusammen, wenn das
Innovationstempo sinkt? Und warum muss es immer Neues geben, wo man sich doch
an das vor Kurzem Neue noch gar nicht recht gewöhnt hat?
Ich höre Wirtschaftsnachrichten immer mit einem anderen Ohr. Wenn es heißt, man muss mehr Arbeitsplätze schaffen und mehr Wachstum erzielen, dann höre ich: Wie organisiere ich Teilhabe? Teilhabe an Gütern und Teilhabe an Beziehung und Einbeziehung in einen sinnvoll schöpferischen Entwicklungsfortgang. Wenn ich höre, dass der Staat die Bürger mit Steuern abkassiert, dann höre ich: Gelder und Motivationsströme werden umverteilt. Wenn Umweltkatastrophen oder Kriege Milliardenkosten
verursachen, höre ich, dass sich andere Zirkulationsmodi für die bedruckten Metallscheibchen oder Papiere aufgetan haben, die nun zu
Menschen fließen, die Wiederaufbauarbeit leisten. Wenn an der Börse Firmen aufgekauft werden, höre ich, dass die Bestimmungsmacht einzelner Menschen umverteilt worden ist, und
zwar in einer Weise, dass fast alle Menschen gleichermaßen daran glauben und dies akzeptieren, was ohne diese Umschaufelung von Bits
(denn mehr passiert ja nicht) von einem Konto auf ein anderes so nicht zu
leisten wäre.
Geld hat keinen festen Wert, ist nicht fest an Güter gebunden, und es gibt auch kein in Geld errechenbares faires Maß für den Wert einer Arbeit. Wenn man mal alles vergisst, was man über Geld und Wirtschaft weiß, dass ist der Sinn von Wirtschaft, einerseits ein Arbeitsmotivationsgefüge herzustellen in der Weise, dass alle zum Leben wie auch für Liebhabereien benötigten Produkte auf einem allen verfügbaren Gesamtmarkt erscheinen, und dass gleichzeitig alle hier zu einer Teilhabe
gelangen, und zwar sowohl auf der rein materiellen Seite, als auch auf der
Seite individuell schöpferischen Tätigsein-Könnens, also sich verwirklichen und erfüllen können im Schaffen. Wer die Teilhabe an letzterem geringschätzt, unterschätzt die Schäden an Verwahrlosung, psychosomatischen Symptomen, Ausgebranntsein, destruktiven
Leerlaufhandlungen, Desorientierung etc., die einen ungeheuren
Arbeitsmehraufwand bedeuten, für den die Gesamtheit wieder entschieden mehr arbeiten muss. Mehr Arbeit – klingt eigentlich wieder gut, aber für mich klingt es wie ein Mangel an Fantasie, die Zirkulation des Geldes ein
wenig anders zu organisieren (zum Beispiel durch »rostendes Geld«, dass es Sinn macht, Geld nicht all zu lange liegen zu lassen, ähnlich wie Kartoffeln und es im Gesamtorganismus zügig zu »verdauen«).
Eine Gesellschaft kann reicher werden, indem sie Arbeitsplätze vernichtet oder Menschen für’s Nichtarbeiten bezahlt. Beispiel: Computerspieleentwickler. Sie haben eine
tolle Spieleidee mit ausreichend Sex&Crime, beschäftigen dafür 10 Programmierer und 10 Vertriebsleute, die mit diesem Spiel auch ordentlich
Geld verdienen und geschäftstüchtig, gewissermaßen also potente Leistungsträger der Gesellschaft sind. Neben diesen 20 eigenen Leuten beschäftigen sie aber noch mal 200 Ethiker, Kommissare und Juristen, die das Spiel auf
Jugendtauglichkeit prüfen, Abhandlungen darüber schreiben und es evtl. auf den Index setzen, 2000 Psychologen, die Kinder
oder auch Erwachsene von der Spielesucht zu heilen versuchen, und 20000
Mitarbeiter von irgendwelchen Firmen, die zur Ablenkung von ihrer eigentlichen
Arbeit zwischendrin das Spiel einschalten und ihre eigene Produktivität damit deutlich senken. Würde der Staat den 20 Entwicklern das doppelte Gehalt zahlen, was sie sich selbst
erwirtschaften, würde die Wirtschaft als ganzes und ohne jeglichen Verlust von200 Ethiker,
Kommissare und Juristen, die das Spiel auf Jugendtauglichkeit prüfen, Abhandlungen darüber schreiben und es evtl. auf den Index setzen Wert kraftvoller laufen. Sie wäre ohne diese Arbeit im Endeffekt reicher.
Also noch mal: Wann ist eine Gesellschaft wirklich reich? Wenn ich alle Aspekte
zusammenzudenken versuche, dann würde ich gesellschaftlichen Reichtum ganz vorsichtig auf folgende Weise zu
greifen versuchen: In jeder Region wohnen Menschen mit unterschiedlichster
Mobilität und unterschiedlichen Bedürfnissen und Ansprüchen. Die Bedürfnisse und Ansprüche stehen in einem ungefähr proportionalen Verhältnis zum Blick über den Rand der Region. Wenn alle Menschen der Region ausschließlich Fahrrad fahren würden und keiner einen Fernseher hätte, niemand würde etwas vermissen oder sich unterpriviligiert vorkommen. In etwa gleichem Maße, wie die eigene Mobilität über die Grenzen hinausgreift, können auch Produkte von entsprechend außerhalb hereingeholt werden. Sind also 5% der Menschen jedes Jahr weltweit
unterwegs, dann wäre es möglicherweise angemessen, etwa 5% der Waren auf dem globalen Einzugsbereich in
die Region zu holen. Wenn 20% deutschlandweit unterwegs sind, sollten 20% aus
Gesamtdeutschland kommen. Bleiben 50% vollständig in der Region, dann sollten 50% aller Produkte auch aus der Region kommen,
jeweils verteilt auf alle. Großstädte hätten demnach einen viel größeren Einzugsbereich als ländliche Gebiete, was auch nahezu banal ist, aber gewöhnlich stimmt nicht das Verhältnis zur Mobilität. Es kommen viel mehr Waren aus einem größeren Kreis, aus Taiwan, Afrika, Südamerika, Neuseeland etc., als die Menschen in diesem Kreis unterwegs sind. Das
macht, dass manche Menschen weit über ihre gefühlsmäßig erfassbaren Verhältnisse leben, andere dafür ihre Region (und oft eben auch ihre Arbeiter) über ein gesundes, regenerationsfähiges Maß ausbeuten. Natürlich kann man Städte, die z.B. in Wüstenregionen erbaut worden sind, auf diese Weise nicht versorgen. Aber dann gehören die Städte dort auch nicht hin.
Die moderne Logistik hat die Bedeutung des Raumes weitgehend vergessen gemacht
und mit dem Schlaraffenlandversprechen unterfüttert. Wenn jeder im Prinzip alles überall haben kann, sind alle reich. Möglicherweise ist das ein Fehler – mindestens auf lange Sicht betrachtet und hochgerechnet auf alle
Gesellschaften. ¶
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