In dieser Rubrik schreibe ich auf,
was mir gerade durch Kopf, Sinn und Herz geht –
eine Rubrik zum Mit- und Nach-Denken.
Über Reaktionen freue ich mich.
¶ Der Tod als Lebensstifter
¶ Der Tod als Lebensstifter
Erkenntnisphilosophische Betrachtungen zur Bedeutung des Todes
Eine Menge Forschungsarbeit wird hinein investiert, das Leben zu verlängern. So stetig die durchschnittliche Lebenserwartung bisher auch gestiegen
sein mag (z.T. durch Verringerung der Säuglingssterblichkeitsrate), so unberührt ist bislang die »Schallmauer« von etwa 120 Jahren geblieben. Möglich, dass sich die Zahl derer, die sich vergleichsweise dicht an die
Schallmauer »heranheestern« größer wird, ohne aber, dass diese Grenze selbst nach oben weiter verschoben würde.
Für den Wunsch nach einem möglichst langen Leben gibt es mindestens zwei Gründe. Der erste Grund liegt im materialistischen Weltbild verborgen, dass also
das Gefühl vorherrscht, nach dem Tod sei alles vorbei. Auch wenn viele Menschen sich
eine Privatvorstellung von einer fortbestehenden Seele zurechtbasteln, ist
diese Vorstellung nicht mehr kulturell getragen und gefüllt, auch nicht von der Religion. Für die Wenigsten ist die Unsterblichkeit der Seele eine so fraglose Gewissheit,
dass es lächerlich anmuten würde, überhaupt darüber nachzudenken. Gäbe es eine kulturell so tief verankerte Gewissheit, würde der Tod nicht als etwas Endgültiges empfunden, hätte vielleicht sogar etwas Tröstliches.
Der zweite Grund liegt schlicht im Selbsterhaltungstrieb, in einer Angst vor dem
Tod, die selbst dann noch greifen würde, auch wenn die Unsterblichkeit der Seele nicht infrage stehen würde. Mit der Suggestion eines Märthyrertodes lässt sich zwar die Todesangst überblenden, weil (unsterblicher) sozialer Prestigegewinn eine vergleichbare
Wertigkeit hat wie die Todesangst und sie deshalb aufwiegen kann, aber es ist
eben Blendwerk, etwas Gemachtes, absichtsvoll Erzeugtes, nichts, was sich natürlicherweise von selbst einstellen würde.
Sicher, ich bin noch nicht gestorben, habe keine Erfahrung mit dem Tod, auch
keine Nahtoderfahrung, und trotzdem hege ich eine bestimmte Vorstellung von der
Annäherung an jenem Übergang, als schwappte eine Ahnung von der anderen Seite herüber, die durch nichts begründbar ist und die trotzdem bei vielen Menschen sehr ähnlich sein dürfte. Schwer, darüber zu sprechen, weil die Erfahrungen, auch die Sprachbilder dort nicht
hineinreichen. Es ist so ähnlich, als wolle man jemandem einen völlig fremden Geruch beschreiben, zu dem es keine wirklich taugliche Vergleichsmöglichkeit gibt. Rational betrachtet mutet es fast merkwürdig an, dass man Angst hat vor etwas, was man nicht kennt, was auch sehr gut
oder schön sein könnte, sich aber als das Unbekannte, Ungewusste bzw. Ungewisse schlechthin präsentiert. Vielleicht ließe sich Todesangst einfach auch als Angst vor dem Ur-Ungewissen verstehen, wobei
dann wieder zu fragen wäre, warum Ungewissheit, die immerhin eine 50%-Chance des positiven Fortgangs
birgt, eine so überbelichtete Angstquelle darstellen sollte. Die Gewissheit eines negativen
Fortgangs scheint weniger Angst zu machen als die Ungewissheit als solche – an sich eine Merkwürdigkeit, falls man »negativen Fortgang« nicht implizit mit der Furcht zu sterben gleichsetzt. Dann aber ist
Ungewissheit keine primäre Angst, sondern nur eine abgeleitete Angst – aus der Todesangst.
Wenn ich über meine Ängste sehr genau nachdenke, spielt in fast jede Angst mindestens an einem Zipfel
der Hauch einer Todesangst hinein. Es ist nicht die konkrete Angst, dass ich
physisch sterben würde, sondern dass ich viel allgemeiner existenziell vergehen könnte, dass mein Selbst oder mein Personsein irgendwie zerstört würde, sei es auch »nur« sozial. Die Angst vor einem sozialen Tod ist letztlich sogar noch höher einzuschätzen als die Angst vor dem physischen Tod, weil der soziale Tod noch direkter,
zentraler das seelische Fortbestehen zu gefährden scheint.
Damit erweist sich das seelische Fortbestehen nicht als etwas, was Teil meines »physischen Besitzes« wäre, aus mir selbst hervorgebracht, sondern mindestens zu einem Teil von außen. Es trägt somit Züge von etwas Resonanzhaftem.
Schaue ich mir Einzeller an, Amöben oder Pantoffeltierchen, die an irgendwelchen Pflanzenteilen herumschwimmen
und Nahrung suchen, so sieht das alles sehr sinnorientiert und eigentlich nachfühlbar aus. Obwohl sie über kein Gehirn verfügen, keine Nervenbahnen, können sie sich doch sehr orientiert in der Welt bewegen, verfügen also über einen Bewegungsapparat und dementsprechend auch über eine Sensorik (weil Bewegungsfähigkeit ohne Wahrnehmungssrückkoppelung nur sinnlose Energieverschwendung bedeuten würde und evolutionär nicht durchsetzungsfähig wäre). Auch im Einzeller »klingt« etwas, so dass sie in diesem Sinne auch beseelt sind. Nur ist das Sensorium auf
einen sehr kleinen Ausschnitt von Welt begrenzt, vielleicht auf etwas
vergleichbares wie Tasten oder »Riechen« bzw. Schmecken (die Tierchen absorbieren ihre Nahrung durchaus selektiv, nicht
wahllos).
Die Herkunft dieses »Klingens«, wie ich es nenne, ist, so meine Vermutung, ebenfalls auf eine »Todesangst« im weitesten Sinne zurückzuführen, um eine »Sorge« um den Selbsterhalt, also irgendwie resonant mit dem Rest der Welt verbunden zu
sein und die gewonnene, relativ autonome Gestalt aufrecht zu erhalten. Offenbar
gibt es in der Natur ein gewachsenes Resonanzverhältnis mit der Mitwelt, eine gelungene Gestalt zu erhalten, wobei »Gestalt« in diesem Fall ein kohärentes Gebilde meint, etwas Zusammenklingendes, was eine Ganzheit darstellt, die
nicht in Teilklänge weiter zerlegt werden kann. Aus diesem gewachsenen Resonanzverhältnis mit der Mitwelt herauszufallen evoziert offenbar zu eine kollektive
Stabilisierungsreaktion, und möglicherweise lässt sich die Differenz des inhärenten Zusammenklangs einer primitiven Grundgestalt, die noch nicht einmal ein
Einzeller sein muss, mit der Mitwelt sich als Ursprung der Todesangst
begreifen. Die Entwicklung der Sinnlichkeit, später ausdifferenziert in Tasten, Schmecken, Riechen, Hungergefühle, Schwereorientierung, Temperatursensus usw. lassen sich dann alle als
Ausweitung der inneren »Klangmöglichkeiten« deuten, die alle der Sorge um den Selbsterhalt dienen – je komplexer die Einheit von Kreatur und Mitwelt, um so differenzierter das
Wahrnehmungsensemble. Wahrnehmungen sind nichts Objektives, selbst Schmerzen
nicht. Unter Hypnose etwa lassen sich Sinnesmodalitäten umschalten, dass etwas Saures unsauer schmeckt, ein Schmerz zwar noch da
ist, aber nicht mehr weh tut usw. Der Tod erweist sich damit nicht als finale
Grenze des Lebens, sondern auch als Lebenserwecker, indem eben die Ahnung des
Vergehens eine Urresonanz mit der »Restlebenswelt« darstellt, aus der sich alles Erleben erst herleitet, ausdifferenziert und
generiert.
Alles, was zutiefst berührt, ist irgendwie in letzter Konsequenz existenzieller Natur, ein Mitschwingen
mit etwas oder jemand anderem in seinen Nöten (mit-leiden) bzw. seines Ausgangs aus den Nöten (mit-freuen).
Wenn man sich heute eine Leben vorstellt, bei dem der Tod überwunden ist, dann ist das eine zunächst rein akademische Vorstellung vor dem Hintergrund, dass alle anderen aber
doch sterben und der Tod an sich trotzdem noch regiert. Denkt man den Tod aber
als Gestalt einmal völlig aus der Welt verbannt, dass also kein Unfall, kein Gift etc. das physische
Fortbestehen begrenzen könnte, verlöre das Leben jeden Sinn. Es wäre ein Weiterwurschteln ohne Ende für nix, ohne Antipode, ohne Hoffnung, eine Gestalt – das gelungene Leben – schließen zu können. Es wäre ein Leben ohne Entwicklung, weil eine jede Verfeinerung der Sinne, der
Wahrnehmung, des Bewusstseins letztlich auf den Referenzpunkt des Todes hin
geleistet wird, ihn sozusagen mindestens ein klein bisschen zu betrügen, ihm eine winzige Spanne mehr abzuschwatzen oder über den Tod hinaus in der Welt eine Spur zu hinterlassen.
Ein Leben ohne Tod würde deshalb kontinuierlich verklingen, verblassen wie eine lichtunechte Farbe in
der Sonne. Es wäre kein Leben mehr, weil es nicht schöpferisch wäre.
So, wie jede Kraft gebunden ist an eine Gegenkraft (an der sie sich abstoßen, d.h. zeigen kann), ist Leben, dieses »Klingende«, die Wahrnehmungsfähigkeit, das Aufscheinen von Sinnhaftigkeit und Bedeutsamkeit, gebunden an den
Tod. Es gibt viele zusammengestöpselte, meist an Funktionalitäten festgemachte Definitionen von Leben. Aber Leben geht eben nicht auf in
komplexer Funktionalität und Vermehrungsfähigkeit (auch Kristalle sind z.B. vermehrungsfähig und, formallogisch auf die Spitze getrieben, im Grunde sogar Computer, indem
sie sich des Wirts »Mensch« bedienen. Computer, bei aller Kompliziertheit, wissen aber nicht, was sie auf
den Schirm schreiben und werden es auch nie erlernen können, weil ihnen das Gewachsensein und damit auch die »klangerweckende« Gegenwärtigkeit des Todes fehlt).
Vor diesem Hintergrund erweist sich das Individuum in seiner streng gedachten
Form (dass es im Prinzip auch ohne Mitwelt noch fortbestehen könnte) als eine Illusion. Am ehesten nachfühlen kann man das vielleicht mit der Vorstellung eines Astronauten, der allein
zum Mars oder noch weiter reist, und der irgendwann unterwegs ohne die Möglichkeit und Hoffnung der Rückkehr einfach vergessen wird. Die Kommunikation ist zu langsam, um Minuten verzögert worden, die Gespräche langweilig und uninteressant, vielleicht geht auf Erden sogar das Geld aus
und jeder ist froh, wenn er sich um die Person (abgeleitet von per-sonare =
hindurchklingen) nicht mehr kümmern und Gedanken machen muss. Mit Sauerstoff, Wasser, Nahrung ist er in seiner
Kapsel auf Jahre versorgt, aber es gibt niemanden, dem er von allem, was er
fortan noch erlebt und erfährt, erzählen könnte. Kurzum sei er jeder Möglichkeit beraubt, sein Empfinden und Fühlen noch irgendwie spiegeln und rückversichern zu können.
Ich bin sicher, dass diese Person allmählich aufhören würde, Person zu sein. Irgendwann wüsste sie nicht mehr, was sie fühlt, was wahr ist, was der Fall ist. Die alten angelegten Nervenbahnen tun noch
eine ganze Weile ihren routiniert gewohnten Dienst, aber ohne Resonanz zur
Lebensmitwelt wird die Wahr-Nehmung nicht mehr aktualisiert. Das personale Gefüge verklingt dann einfach, womit der Mensch auch ziemlich bald physisch sterben
würde.
Vielleicht lässt sich an diesem Beispiel nachfühlen, dass Leben nur als Gesamtsystem verstehbar ist. Zwar lässt sich der funktionelle Aufbau zu einem großen Teil am Individuum studieren, aber wenn es oft heißt, die Person fühlt sich glücklich, weil sie dieses oder jenes Hormon ausgestoßen hat, dann ist das keine wirkliche Begründung für sein Glücklich-Fühlen, weil ja noch nicht beantwortet ist, wie es zu diesem Hormonausstoß gekommen ist, welches »innere Klanggefüge« die faktisch messbare Hormonsynthese angeregt hat. Die Hormonausschüttung ist also nicht Ursache des Glücklich-Fühlens, sondern manifeste Folge des Glücklich-Fühlens. Will man also ein Verständnis für das Leben als solches gewinnen, darf man den Blick nicht zu sehr auf das
Individuum verengen und muss als erstes den Tod verstehen. Meine Vermutung ist,
dass eine erkenntnisphilosophische Betrachtung des Todes eher zu einem
wirklichen Lebensverständnis führt als wenn man das Leben selbst fragmentarisch an einzelnen Individuen zu
studieren versucht.
Das – letztlich von jeder Zelle – antizipierte Spannungsverhältnis zum Tod ist dasjenige Moment, was Sinnhaftigkeit und Bedeutung kreiert.
Dass das tatsächlich so ist, erkennt man am leichtesten daran, dass sich die Fülle des Lebens, wie Wahrnehmungsfähigkeit der Sinne, das Sinnerleben stark intensivieren, wenn man sich bewusst
einer Todesgefahr aussetzt (z.B. durch Extremsportarten) oder für eine Aufgabe mit seiner ganzen Person, d.h. mit seinem Leben einsteht.
Einstehen mit der ganzen Person heißt, sich ohne ängstliches Festhalten auf eingeschliffene Routineabläufe hineinstellen ins Resonanzverhältnis zur Mitwelt. Alles, was im Leben Gewicht hat und zählt, rührt in letzter Konsequenz ans Existenzielle. Der ganze Rest kann bestenfalls Spaß und nettes Beiwerk sein, bleibt aber gewichtslos (also nicht Sinn-schaffend)
und unbedeutend auf der Waagschale der Existenz.
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